| |

zum Mitteilungsblatt 

Rückhaltesysteme für Gabelstaplerfahrer
(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung
der BGFE)
Es passiert immer nach dem gleichen Muster. Der Stapler beginnt zu
kippen, erst langsam, dann so schnell, dass der Fahrer aus dem Sitz
abhebt und mit seinem Körper zwischen Fahrerschutzdach und Fahrbahn
gerät (Abb. 1).
Die Unfälle passieren überwiegend beim Fahren
ohne Last, unabhängig vom Staplertyp, egal ob 3- oder 4-Rad-Stapler.
Ursache ist in den meisten Fällen, genauso wie im öffentlichen
Straßenverkehr, unangepasste Geschwindigkeit. Es haben sich
jedoch auch eine Reihe von Umsturzunfällen durch Anfahren von
Gegenständen, Überfahren von Bordsteinen und Abstürzen
von Laderampen ereignet.
Die Hersteller unternehmen seit Jahrzehnten große
Anstrengungen, die Standsicherheit der Geräte zu erhöhen.
Waren bei alten Geräten die Antriebsbatterien häufig über
der Hinterachse platziert, so wanderten sie im Laufe der Zeit zwischen
die Achsen, um den Gesamtschwerpunkt möglichst niedrig zu halten.
Gemäß DIN 1538 Flurförderzeuge Standsicherheit
werden z.B. bei Gegengewichtsstaplern 4 verschiedene Versuche zur
Ermittlung der Standsicherheit durchgeführt:
1. Statische Längsstabilität
2. Dynamische Längsstabilität
3. Statische Seitenstabilität
4. Dynamische Seitenstabilität
Dem verbleibenden Risiko wurde bislang mit hinweisender
Sicherheitstechnik und organisatorischen Maßnahmen begegnet
wie z.B.
Freihalten und Kennzeichnen von Verkehrswegen;
Ausbildung und Unterweisung der Fahrer;
Trennung von Bereichen für Fußgänger und
Flurförderzeugen.
Die explizite Forderung nach technischen Maßnahmen,
z.B. in Form von Rückhaltesystemen, wird erst in der Änderungs-Richtlinie
zur Arbeitsmittelbenutzer-Richtlinie erhoben
(Richtlinie 89/655/EWG vom 30.11.1989, geändert durch Richtlinie
95/63/EG vom 05.12.1995).
Fristen
Die RL 95/63/EG hätte bis 05.12.1998 in deutsches
Recht umgesetzt sein müssen
(Die Mitgliedstaaten erlassen die erforderlichen Vorschriften,
um den in den RL 95/63/EG vorgesehenen Änderungen vor dem 05.
12. 1998 nachzukommen.).
Bis zum heutigen Tage ist die nationale Umsetzung nicht erfolgt.
Da die Übergangsfrist vier Jahre beträgt, müssten
alle Geräte bis zum 05.12.2002 nachgerüstet sein. Fraglich
ist, ob bei einer stark verspäteten nationalen Umsetzung die
Übergangsfrist verlängert wird. Nach Aussage des zuständigen
Fachausschusses sollen von der Nachrüstung ausgenommen werden,
weil kein entsprechendes Unfallgeschehen vorliegt und das Risiko
eines Umsturzes als sehr gering eingestuft wird:
Flurförderzeuge mit hebbarem Fahrerplatz;
Flurförderzeuge, die mit angehobener Last bestimmungsgemäß
verfahren werden dürfen;
Schlepper.
Entsprechend den Vorgaben der Richtlinie sind verschiedene
Rückhaltesysteme entwickelt worden:
Richtlinie 95/63/EG, Anhang 1, Abs. 3.1.5
Flurförderzeuge mit aufsitzendem Arbeitnehmer bzw. aufsitzenden
Arbeitnehmern sind so zu gestalten oder auszurüsten, dass die
Risiken durch ein Kippen des Flurförderzeuges begrenzt werden,
z. B.:
durch Verwendung einer Fahrerkabine oder
mit einer Einrichtung, die verhindert, dass das Flurförderzeug
kippt oder
mit einer Einrichtung, die gewährleistet, dass bei einem
kippenden Flurförderzeug für den/die aufsitzenden Arbeitnehmer
zwischen Flur und Teilen des Flurförderzeuges ein ausreichender
Freiraum verbleibt, oder
mit einer Einrichtung, die bewirkt, dass der/die Arbeitnehmer
auf dem Fahrersitz gehalten wird/werden, so dass er/sie von Teilen
des umstürzenden Flurförderzeuges nicht erfasst werden
kann/können.
Fahrerkabine (Abb. 2)
Auch in der Vergangenheit wurden Geräte mit Fahrerkabinen
ausgerüstet. Die Kabinen stellten jedoch primär einen
Wetterschutz beim Einsatz im Freien dar. Wenn diese Kabinen auch
als Rückhaltesystem beim Kippen fungieren sollen, muss die
Innenseite entsprechend gestaltet werden (durch Vermeidung scharfer
Kanten, Polsterung etc.).
Die Kabine stellt derzeit das wirksamste System dar, die Nachrüstung
ist jedoch teuer. Bei Sonneneinstrahlung können sich die Kabinen
stark aufheizen, das bislang übliche Entfernen der Türen
hebt die Schutzwirkung natürlich vollständig auf und muss
deshalb unterbleiben. Die Kabine muss dann auf andere Weise (technisch)
belüftet bzw. klimatisiert werden, was die Nachrüstung
zusätzlich verteuert. Wesentlich günstiger schneiden hier
Bügelsysteme ab (Abb. 3),
die fast die gleiche Schutzwirkung wie Fahrerkabinen
bieten. Bei der Auswahl sollte man darauf achten, dass die Wirksamkeit
gegenüber einer unabhängigen Prüfstelle nachgewiesen
wurde. Einrichtung, die verhindert, dass das Fahrzeug kippt Die
Firma Toyota hat als erste ein elektronisches System zur Erhöhung
der Kippstabilität auf den Markt gebracht. Durch zusätzlich
angebrachte Hydraulikzylinder kann die pendelnd aufgehängte
Hinterachse verriegelt werden, aus dem Stabilitäts-Dreieck
wird ein Stabilitäts-Viereck.
Das System errechnet aus einer Reihe von Eingangsgrößen,
wie Hubhöhe, Last, Fahrgeschwindigkeit, Neigung des Hubgerüstes,
Radeinschlag, die Kippgefahr und greift bei Erreichen eines Grenzwertes
ein. Das Kipprisiko völlig verhindern kann dieses System nicht,
bei verantwortungsvollem Umgang wird das Risiko jedoch gesenkt.
Als alleiniges System ist es nicht zulässig.
Auch weiter entwickelte Systeme mit automatischem
Bremseneingriff etc. können kein Kippen beim Anfahren von Gegenständen
o.ä. verhindern. Einrichtung, die bei einem kippenden Flurförderzeug
ausreichenden Überlebensraum schafft Derzeit ist keine derartige
Konstruktion bekannt. Einrichtung, die den Fahrer so auf dem Sitz
hält, dass er von Teilen des Fahrzeuges nicht erfasst werden
kann In der praktischen Umsetzung hat sich der so genannte duo-sensitive
Beckengurt sehr schnell verbreitet (Abb. 4),
fast alle Neugeräte werden serienmäßig
mit diesem System ausgerüstet. Duo-sensitiv heißt, dass
der Gurt bei Bewegungen nach vorne und zur Seite nicht ausrollt
sondern blockiert. Es ist von allen Systemen das preisgünstigste,
verhindert jedoch nicht das Aufschlagen des Kopfes auf den Boden.
Dieses System vermindert das Risiko von allen Systemen am wenigsten,
schwerste Verletzungen sind nach wie vor möglich. Die Akzeptanz
hängt darüber hinaus im Wesentlichen von der Häufigkeit
des Auf- und Absteigens und von der Ergonomie ab. Bei der Nachrüstung
ist darauf zu achten, dass alle am Kraftfluss beteiligten Komponenten
ausreichende Festigkeit besitzen. Es ist nutzlos, den Gurt am lose
aufliegenden Batteriedeckel zu befestigen. Die Aufzählung erhebt
keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aufgrund des starken Handlungsbedarfs
wird auf diesem Sektor sehr viel entwickelt. Angedacht sind z.B.
Bügelsysteme, wie sie an manchen Jahrmarktgeräten Verwendung
finden.
Ziel der Entwicklung muss es sein, Systeme zu
finden, die
ohne Zutun des Fahrers ständig wirksam sind;
so gebaut sind, dass sie den Fahrer nicht behindern;
für alle Körpergrößen geeignet sind.
Diese Forderungen könnten z.B. von Airbag-Vorhängen erfüllt
werden, die im PKW bereits seit einiger Zeit zu haben sind. Wie
in anderen Bereichen auch, wird der Markt praktikable technische
Lösungen hervorbringen.
Norbert Schilling
|
|
|